Laufbericht Zugspitz-Ultratrail 2014

100 km to go – I did it!

Hier kommt ihr direkt zum Fotostream mit vielen Impressionen von der Strecke!

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Plan-B hat zum 4. Zugspitz-Ultratrail gerufen, und Lauffreund Fred und ich hatten bereits im vergangenen Jahr beschlossen, uns zum Ultratrail über 100 km mit 5400 HM anzumelden. Für uns beide sollte es der erste 100 km Lauf werden – und nicht ein flacher, sondern – unserer gemeinsamen Begeisterung für die Berge geschuldet – ein Ultratrail um das Zugspitz-Massiv herum, gespickt mit vielen steilen An- und Abstiegen, bei dem nebenbei einige hochalpine Passagen des Wettersteingebirges durchquert werden.

Hier eine Übersicht der Strecke:

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Das Höhenprofil der Strecke sieht wie folgt aus (auch hier führt ein Klick zur vergrößerten Version):

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Aufgrund der ja doch leider langen Anreise vom nur mittelmäßig alpinen Sauerland in die Alpen, sind wir bereits Freitag in unser Quartier nach Ehrwald gereist, haben unser Zimmer bezogen, um dann – bei bescheidenem, verregneten und kalten Wetter – unsere Startunterlagen in Empfang zu nehmen, über die Marathonmesse zu schlendern und den obligatorischen Nudeln der Pasta-Party zu fröhnen. Zur Einstimmung wurden bereits Best-Of Fotos anderer Plan-B Events (4Trails, Transalpine-Run und Zugspitz-Ultratrail) der Vorjahre gezeigt. Kultureller, traditioneller und regionaler Höhepunkt war ein Auftritt der Goiser-Schnalzer, die vier Peitschen zum Takt der Musik knallen ließen und tolles bayrisches Ambiente erzeugten. Abschluss des Eröffnungsabends bildete das obligatorische Briefing, in dem das Reglement, die Streckenmarkierung, Pflichtausrüstung und Besonderheiten der Strecke erklärt wurden. Die Wetteraussichten für den Folgetag waren hervorragend: Hochnebel am Morgen, nur Sonne bei maximal 23 Grad im Tal und keine Gewitterneigung. Perfektes Laufwetter also!

Im Anschluss an das Briefing ging es dann schnell ins Hotel, um die letzen Vorbereitungen an der Ausrüstung vorzunehmen, Sachen herauszulegen und früh ins Bett zu gehen.

Am nächsten Morgen war dann 5:00 Uhr aufstehen angesagt. 5:30 Uhr waren Fred und ich zum Frühstück verabredet, um danach direkt wieder nach Grainau aufbrechen zu können. Ein Parkplatz war dank Hilfe der Feuerwehr, die als Einweiser parat stand, schnell gefunden, und um 6:45 Uhr waren wir bereits durch die Kontrolle der Pflichtausrüstung. Warten auf den Start. Langsam kribbelte es und die Anspannug stieg. Wie würden wir eine Ausdauerbelastung weit jenseits der 10 Stunden verkraften?! Waren wir ausreichend trainiert? Würden wir das Durchspülen des Magens mit eimerweise Iso-Drinks verkraften?! In wenigen (oder eher mehr) Stunden sollten wir es wissen…

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Pünktlich um 7:15 Uhr geht es endlich los. Der Startschuss fällt und traditionell wird ein neutralisierter Start – angeführt von einem lokal ansässigen Trommelverein – durchgeführt. Spaßig!

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Nach wenigen Metern Straße verlassen wir Grainau und legen die ersten 50 Höhenmeter aus dem Ort hinaus Richtung Hammersbach zurück. Schon fast 1/100 der Höhenmeter absolviert, kommt mir so in den Kopf… Immer positiv denken! ;o) Ein Stück geht es in die Höllentalklamm, dann biegen wir rechts Richtung Eibsee ab und folgen tollen Pfaden durch den Wald.

Irgendwo hier muss meine Tracking-Verbindung abgerissen sein – vermutlich ein dösiger Timeout durch Roaming-Wechsel oder Ähnliches. Die Daheimgebliebenen konnten folglich nicht mehr live sehen, wo ich bin. Aber wer mich kennt, der weiß, dass man mir schon eine Stahlkugel an die Füße binden müsste, damit ich nach zwei Kilometern aufgebe… ;o)

Am Eibsee steht die erste Verpflegungsstelle. Ich nehme ein erstes Gel, schmeiße eine Salztablette ein (beides ein Ritual für die nächsten Stunden), fülle meine Trinkblase auf und lasse mir das erste Mal in meinen Faltbecher einschenken. Dieser ist etwas klein geraten (hätte früher großes Potenzial gehabt, Gimmick in der Yps zu werden… Vergleiche Yps 558 mit Klappbecher) und man muss mindestens vier, fünf Becher trinken, um ausreichend Flüssigkeit zuzuführen. Dann geht es weiter Richtung österreichische Grenze – über einen zähen 600 HM Aufstieg, den ich bereits von den 4Trails kenne. Oben angekommen, folgt ein toller Abstieg hinab zur Tiroler Zugspitzbahn, der dann im Gegenanstieg wieder in eine Skipiste mündete und bei mir fast zu Hautausschlag führt – auf grüne Skipisten reagiere ich nämlich allergisch… Nach knapp 200 steilen Höhenmetern Aufstieg laufen wir dann steil über eine andere Skipiste Richtung Ehrwald hinab. Was ist denn hier passiert? Der Boden ist übersät mit Steinen und Ästen von Bäumen, und das Hinunterrennen erfordert höchste Konzentration.

An der Gamsalm ist Verpflegungsstelle zwei erreicht. Ich zaubere meinen Faltbecher aus meinem Rucksack, ziehe den Mechanismus auseinander und „plöpp“, habe ich auf einmal alle Einzelteile des Bechers in der Hand. Toll. Ist das ein Puzzle oder was? Keine 20 Kilometer gelaufen und keinen Trinkbecher mehr zur Hand. Ich bekomme den Becher aber wieder notdürftig zusammengesteckt und kann trotz leichter Leckage wieder daraus trinken. Am Zapfhahn der Alm fülle ich meinen Rucksack auf (mit Iso, nicht mit Bier) und weiter geht es über welliges Profil hinauf Richtung Ehrwalder Alm.

Bis zur Ehrwalder Alm war es eigentlich Vorgeplänkel, jetzt folgen die tollen Abschnitte im alpinen Bereich. An Verpflegung drei kämpfe ich erneut kurz mit meinem Faltpuzzlebecher – ob wir noch Freunde werden?! Immer wieder wechseln sich laufbare und nicht laufbare Abschnitte ab. Ich bin froh, Stöcke zu haben und kann mir nicht mehr vorstellen, wie ich bei den ersten 4Trails ohne Stöcke zurecht gekommen bin. Am Feldernjöchel queren wir eine Schutthalde und im Anschluss geht es am Gatterl vorbei. Wolkenschwaden ziehen über den Grat und die Szenerie sieht einfach grandios aus! Die riesigen Felswände und dazwischen wir kleinen, unscheinbaren Läufer im Nebel. Mein verträumter Blick erkennt dann in den Nebellücken, wo uns der Weg als nächste hinführt und es ist vorbei mit Tagträumerei. Alles vor und hinter mir quält sich schnaufend den steilen Anstieg hinauf. Meine Güte, was eine Steigung!

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Oben angekommen, queren wir hochalpine Wiesen. Hier und da pfeifen irritierte Murmeltiere hinter uns Läufern her, erspähen kann ich beim Laufen aber keine. Es geht den nächsten Anstieg hinauf und oben ist der höchste Punkt der Strecke erreicht: 2.204 Meter hoch. Tolles Panorama. In eine Wärmedecke gehüllt, liegen ein paar Wanderer und schauen sich das Spektakel an. Die haben es gut…

Ich mache mich in den biestig steilen Abstieg, bei dem man auf ca. 2 km Strecke fast 300 HM verliert, nur um direkt im steilen Gegenanstieg wieder 200 Meter aufzusteigen. Auch das ist bald geschafft und ich mache mich in den ersten langen Abstieg (rund 750 HM) hinunter zur Hämmermoosalm. Die Trails münden in eine ruppige Forststraße. Es weht kein Lüftchen, die Sonne knallt und es ist gefühlt 30 Grad warm. Ich sauge an meinem Versorgungsschlauch und erzeuge plötzlich ein herrliches Vakuum in meiner Trinkblase. Leer. Verdammt. Hoffentlich ist es nicht mehr so weit bis zur Verpflegungsstation. Glücklicherweise laufe ich nach ein paar Minuten am Schild „Food 500 m“ vorbei und bin froh, dass ich bald wieder volltanken kann.

Ich spüre, dass ich schon über 40 km in den Knochen habe und raste ausführlicher. Neben Orangen haue ich mir auch ein paar Stücke Schokokuchen rein, esse ein paar getrocknete Feigen und stürze ein paar Becher Wasser hinunter. Langsam habe ich raus, wie fest ich ziehen darf, damit sich das filigrane Gefäß nicht in seine Einzelteile atomisiert… :o)

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Als nächstes folgt der 600 HM Aufstieg zum Scharnitzjoch. Anfangs wechseln noch laufbare mit nicht laufbaren Abschnitten, bei einer Ziegenalm ist aber Schluss mit lustig und alle wechseln in den Gehmodus. Wie schnell wir trotzdem unterwegs sind, erkennt man immer, wenn wir Wanderer überholen. Das Panorama ist herrlich, und trotz der zunehmenden Anstrengung sauge ich die Landschaft auf und freue mich, hier unterwegs sein zu dürfen. Oben angekommen sitzen ein paar Läufer in der Wiese. Ich frage schmunzelnd, ob noch ein Platz frei ist, geselle mich dazu, trinke und werfe ein Gel ein. Alle sind froh, diesen Anstieg im Sack (oder besser in den Beinen) zu haben. Knapp 48 km und 3.600 HM liegen jetzt hinter uns.

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Schnell mache ich noch ein paar Fotos und starte in den 1.000 Höhenmeter tiefen Downhill. In einer Mulde liegt sogar noch ein Streifen Schnee, den wir passieren müssen, im Gegensatz zum letzten Jahr ist das aber eigentlich nicht erwähnenswert. Bergab fängt mein rechtes Knie an zu zwicken – vielleicht habe ich zu wenig mit dem Rucksack trainiert und die Muskulatur ist nicht stark genug, um die Schläge abzufangen. Immerhin wiegt der Rucksack mit Getränk und Pflichtausrüstung um die 4 kg. Ich nehme etwas Tempo raus, höre von hinten ein paar Läufer ankommen und weiche an den Rand aus, um sie vorbei zu lassen. Wir schauen uns wie ein Auto an und freuen uns! Es sind Uwe und Ralf, die ich von den vorletzten 4Trails kenne. Sehr spaßig – die Trailszene ist einfach eine kleine Familie.

An der fünften Verpflegungsstelle folgt ein Ärztecheck für jeden Teilnehmer. Ich werde gefragt, ob es mir gut geht. Ich: „Ja, aber ein bisschen k.o.“. Der Arzt meint nur „Das ist o.k., nach 57 km…“ An der Verpflegungsstelle ist alles im Angebot, was man sich denken kann: Obst, Gemüse, Suppen, Kuchen, Nudeln, Brote. Ich probiere alles, genau in der Reihenfolge, weil ich tierisch Hunger habe. Ob das mein Bauch verkraftet? Gemeinsam mit Uwe und Ralf mache ich mich auf den Weg. Was folgt, ist ein ätzendes Transit-Stück über Fahrradweg und Straße bis nach Mittenwald. Zwei Kilometer nach der Verpflegung meldet sich mein Bauch und ich bekomme ziemlich Seitenstechen. Ich nehme Tempo raus und lasse Uwe und Ralf ziehen. Zu allem Überfluss merke ich auch oberhalb meiner Knie die Oberschenkel „flattern“ – Vorzeichen von Krämpfen. Ich reagiere bei diesen Anzeichen in der Folge immer direkt mit einer Salztablette und eine Weile später ist wieder Ruhe. Ob reale Wirkung oder Placebo-Effekt ist mir egal, Hauptsache keine Krämpfe… :o)

Nach der Verpflegungsstelle in Mittenwald – dort gibt es auch Kaffee, den ich nach meiner Erfahrung der letzten Verpflegung aber links liegen lassen – geht es einen lächerlichen 150 HM Anstieg hinauf auf ein kleines Plateau. Nach ein paar km über tolle Pfade durch den Wald erreichen wir den Ferchensee, der eigentlich zum Baden einlädt. So viel Zeit will ich mir aber nicht nehmen, sondern setze meinen Lauf zur nächsten Verpflegungsstelle fort. Ab und an sehe ich Läufer am Rand, die sich an den Füßen Blasen abtapen. Gut, dass ich damit keine Probleme habe.

Mittlerweile bin ich ziemlich kaputt. Zusätzlich habe ich vor den folgenden 10 km mächtig Respekt. Öde Forststraße, welliges Profil, tendenziell aber ansteigend. Und schon 70 km in den Knochen. Flache Passagen laufe ich nach wie vor, sobald Steigungen kommen, geht aber nichts mehr und ich muss gehen. Mittlerweile merke ich meinen Kreislauf auch und mir fällt der Wechsel vom Laufen zurück ins Gehen schwer. Es duselt mich dann immer leicht, wenn auch nur kurz. Die Verpflegungsstationen bringen gefühlt immer einen richtigen Energieschub, den auch Gels, die ich zwischendurch zu mir nehme, nicht ersetzen können. So arbeite ich mich im Kopf immer von Verpflegung zu Verpflegung vorwärts; die Länge der Restdistanz bringen mir lediglich zwischendurch die netten „xx km to go“ Schilder vor Augen. Ich bin mittlerweile auch an einem Punkt angekommen, wo der Kopf entscheidet, ob weitergemacht wird oder nicht. Mein Kopf hat aber nur ein Ziel: Die Strecke schaffen und wenn ich auf den Brustwarzen zur Alpsitzbahn hochkrabbeln muss. :o)

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Am Rand der Strecke richtet sich die Bergwacht Biwaks für die Nacht ein – gemütlich mit kleinen Feuern. Der ein oder andere Sportler wird dort sicher noch Pausen einlegen. Ich habe endlich den letzten Anstieg des welligen Profils hinter mir und es geht den Kälbersteig hinab zur Partnach. Technisch relativ anspruchsvoll, komme ich schnell und gut hinunter, aber auch das Bergablaufen wird mittlerweile richtig anstrengend. Teilweise ist es einfach ein Pfad, teils sind es aber auch unterschiedlich hohe Stufen mit Querhölzern – häufig glatt – die den Weg prägen. Unten an der Partnach hatte ich eigentlich die Verpflegung erwartet, so quäle ich mich den Gegenanstieg hoch und kommen endlich am „20 km to go“-Schild vorbei. 4/5 sind absolviert. Jetzt ist es vom Prinzip her eigentlich einfach: 10 km hoch, 10 km runter – wenn es nur nicht je 1.400 Höhenmeter wären…

Endlich komme ich an Verpfegungsstelle 8. Ich bin ziemlich am Ende und wäre jetzt bereit für eine Cola – ich brauche dringend Zucker. Doch was gibt es? Red Bull! Wie cool. Ich mag den Geschmack eigentlich gar nicht, aber jetzt freue ich mich darauf. Und das Beste: Das Zeug verleiht doch Flügel, da komme ich doch den Berg besser hoch! :o) Die nächsten Kilometer gehe ich wieder ab wie eine Rakete. Ich hätte mir besser meine Trinkblase auch noch mit Red-Bull gefüllt. Es wird wieder steiler und steiler und dann kommt er: der nicht enden wollende Jägersteig, den ich von den 4Trails kenne. Mittlerweile ist es dämmerig geworden, so dass ich nicht mehr sinnvoll fotografieren kann. Weder auf Langzeitbelichtung, noch auf Stativ bin ich eingestellt. 600 HM geht es hinauf. Ich denke, jetzt müsste ich oben sein und wieder folgt eine Serpentine und es geht weiter hinauf. 200 HM fehlen noch – ein Blick auf den Höhenmesser kann ganz schön ernüchternd sein. :o( Mittlerweile ist es sehr dämmerig und viele Teilnehmer sind schon mit Stirnlampe unterwegs. Ich will noch bis zur nächsten Verpflegungsstelle warten.

Irgendwann höre ich oben dann Jungs von der Bergwacht und erreiche die Längenfelder Talstation. Zweihundert Meter weiter ist endlich die Verpflegung. Hier stehen außerdem ein Wärmezelt, Liegen mit Wolldecken etc. Außerdem läuft Fußball und ich höre, dass es 1:1 zwischen Deutschland und Ghana steht. Es ist schweinekalt und bevor ich etwas esse oder trinke, hole ich meine Jacke aus dem Rucksack, befestige den Akku am Schulterriemen und setze meine Stirnlampe auf. Mittlerweile steht es 2:1 für Ghana, ich verpflege mich noch schnell und sehe zu, dass ich Land gewinne, hinauf zur Alpspitz-Bergstation – weitere 400 HM Aufstieg. Meine MJ-872 macht bereits auf der dunkelsten Stufe mehr Licht als die Funzeln der meisten anderen Teilnehmer. Weit über mir kann ich Lichter sehen. Sind das Stirnlampen? Das kann doch nicht sein, dass wir so hoch hinauf müssen?! Mit jeder Minute, die ich die Lichter beobachte, steigt die Gewissheit, dass es doch so hoch nach oben geht. Das wird eine Qual. Die Bergwacht ruft mir aus einem Biwak zu, dass es mittlerweile 2:2 steht. Immerhin etwas Positives… ;o) Weiter und weiter geht es hinauf und endlich kann ich Fackeln leuchten sehen, die den höchsten Punkt markieren. Nach einer gefühlten Ewigkeit komme ich an, für einen Freudenschei habe ich keine Kraft mehr. Die spare ich mir lieber für den Abstieg.

Ich schalte meine Stirnlampe heller: Stufe zwei reicht völlig aus. Der Aufstieg war noch auf einer einfach Forststraße. Bergab geht es über einen technisch knallharten und anspruchsvollen Trail von der Bergstation der Alpspitzbahn hinab. Wurzeln, Steine, unterschiedlich hohe Stufen, rutschige Stellen, rutschige Tritte. Mein rechtes Knie zwickt mittlerweile bei manchen Bewegungen und ich merke meine Oberschenkel ganz schön. Trotzdem überhole ich hier eine ganze Reihe an Läufern, die anscheinend völlig platt sind und nicht mehr bergab können. Eine Weile bin ich alleine unterwegs und auf einmal biegt der Weg scharf nach links oben ab. Ich halte kurz an und suche die nächste Wegmarkierung. Häh?! Geht es hier wirklich nochmal so steil bergauf? Tatsache. Ich fluche vor mich hin und nehme sicher nochmal 50 schmerzende Höhenmeter unter die Füße. Danach geht es über ein welliges Profil tendenziell nur noch abwärts. Links sehe ich zwischendurch überhaupt keine Büsche mehr. Ich wende die Stirnlampe und denke nur „Hossa!“. Neben mir geht es richtig steil abwärts. Stolpern sollte man hier nicht.

Nach eine gefühlten Ewigkeit erreiche ich V10 – die letzte Verpflegungsstation. Ich höre, dass der Endstand beim Fußball 2:2 war. Außerdem esse und trinke ich zum letzten Mal etwas und mache mich dann schnell auf den knallharten Abstieg nach Hammersbach. Wo es geht, laufe ich, an den gefährlichen Stellen mit vielen Steinen, schalte ich lieber in den Gehmodus. Jetzt nicht noch aufgrund der geschwächten Muskulatur stürzen, das ist es mir nicht wert, ein paar Minuten eher im Ziel zu sein. Ich überhole noch ein paar Läufer, komme an die üblichen, rutschigen Stellen des Abstiegs und es setzt mich – obwohl ich ja vorgewarnt war – trotz Stöcken fast wieder auf den Hosenboden. Im Ziel sah ich dann einige Teilnehmer, die es hier richtig hingesetzt hatte… ;o)

Endlich kam ich unten in Hammersbach an. Ab hier geht es in der Ebene über Asphalt zum Ziel. Kann Aspahltlaufen schön sein. Meine Beine funktionieren im Flachen noch erstaunlich gut. Ich überhole noch zwei Läufer und laufe dann auf eine Frau auf, die sich mir direkt an die Fersen heftet. Ich halte das Tempo so, dass wir gemeinsam laufen können – so ist es einfacher, das Tempo gleichmäßig zu halten. Wir freuen uns beide über das „1 km to go“ Schild. An einer Stelle im Ort finden wir die Streckenmarkierung nicht. Verblüfft bleiben wir stehen und schauen uns suchend um, das soll ja jetzt wohl ein Scherz sein?! Aus einem Haus winkt uns jemand und zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg waren. Schließlich kommt der Pavillion in Sicht. Ich lasse die Frau ziehen und gönne ihr einen alleinigen Zieleinlauf, den sie als dritte in ihrer Alterklasse schafft. Ein paar Sekunden später laufe ich ein. Geschafft: 17:38 Stunden, um 100 km mit 5.400 Höhenmetern hinter mich zu bringen. Ich bin 80. von 244 Startern in meiner Altersklasse, von denen 80 gar nicht das Ziel erreichen sollen. Ich freue mich riesig, nehme meine Medaille in Empfang und freue mich über eine warme Suppe und ein alkoholfreies Weizenbier.

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Auf meinem Handy prüfe ich, wo Fred unterwegs ist. Er hat gerade V9 passiert, so dass es wohl noch mindestens 2 1/2 Stunden dauern wird, bis er ins Ziel kommt. Ich beschließe daher, meine Tasche aus dem Auto zu holen und zu duschen. Auf dem Weg zum Auto friere ich mir einen Ast ab. Es ist saukalt geworden und ich bin mittlerweile ausgekühlt. Heilfroh bin ich ein paar Minuten später im warmen Hallenbad und ziehe mich wie in Trance aus. Körper und Geist haben anscheinend langsam realisiert, dass es vorbei ist und ich fühle mich bleiern und träge. Als ich meine Unterhose ausziehe, merke ich, dass ich mir DEN Wolf gelaufen habe. Bei der anschließenden Dusche hätte ich am liebsten geweint, so schmerzt es an meinem Allerwertesten… ;o) Nach der Dusche schleppe ich mich glücklich und müde zum Ziel zurück und warte – plaudernd mit anderen Teilnehmern – auf Fred, der schließlich nach 20:48 Stunden ins Ziel läuft. Ebenfalls kaputt, aber glücklich! Kaum sitzen wir auf der Bank, fragt er mich: „Hast du dein Portemonnaie schon dabei? Dann hol‘ mir doch bitte ein halbes Helles!“. Nichts lieber als das. Da ich uns noch nach Ehrwald fahren muss, verzichte ich aber lieber.

Als wir ins Auto steigen, wird es bereits wieder hell. Da ich kaum noch fahrfähig bin, schnecken wir mit Tempo sechzig nach Ehrwald und fallen beide totmüde ins Bett. Nach wenigen Stunden Schlaf ist bereits wieder Aufstehen angesagt, da um 10:00 Uhr bereits die Abschlussveranstaltung stattfindet. Als ich aufstehen will, bekomme ich mich gar nicht gerade gebogen – erst im zweiten Anlauf gelingt mir das. Schneller gehen als 2 km/h ist kaum möglich, zu müde sind die Muskeln. Beim Frühstück bin ich alles andere als die erwartete Bufettfräse und habe überhaupt keinen Appetit – selbiger stellt sich aber später am Tag ein.

Im Anschluss an die Abschlussveranstaltung verbringen Fred und ich noch einen ruhigen Tag auf der Alpspitz-Bergstation – aber mit Seilbahn (!!!) und schlabbern in Garmisch ein Eis. Totmüde fallen wir beide bereits um 20:00 Uhr ins Bett und schlafen wie die Murmeltiere. Am nächsten Tag ist dann schon alles wieder vorbei und es geht ab nach Hause.

Fazit: Eine super Veranstaltung! Lob an Plan-B, da mir nichts einfällt, was ich kritisieren könnte. Doch: Der Faltbecher! :o) Da sollte etwas Hochwertigeres verteilt oder einfach vorausgesetzt werden, dass jeder Teilnehmer seine Pflichtausrüstung damit ausstattet. Es war sicher nicht mein letzter ZUT – jetzt gibt es ja eine Zeit zu killen… ;o) Was ich nicht verstehen kann, sind a) dreihundert Einsätze der Bergwacht aufgrund von Überschätzung der Teilnehmer und b) den weggeworfenen Gelmüll an der Strecke. Leute, bitte packt eure Reste wieder in den Rucksack, mache ich auch so, selbst wenn es mal ein wenig kleben sollte.

17:38 h. Das sieht soooo langsam aus. Wer mal versucht, die Durchschnittsgeschwindigkeit im Gebirge bei ähnlichem Höhenprofil zu halten, der wird merken, dass das nicht soooo einfach ist. ;o) 11.900 kcal habe ich dabei übrigens verbraucht. Das entspricht rund 15 Fertigpizzen. Yum! Während des Laufs habe ich ca. 10 Liter Isodrinks getrunken, 12 Salztabletten genommen und ca. 10 Gels „gegessen“. So eine künstliche Nahrungsbilanz hatte ich acuh noch nie…

Übrigens gab es ein tolles Finisher-Shirt, mit einem coolen Spruch auf der Frontseite: „It always seems impossible until it’s done!“ Besser könnte man einen Ultratrail wohl kaum treffen!

Funktionscheck:
– keine Blasen
– DER Wolf, aber nach drei Tagen schon wieder besser
– ein blauer Zehnagel, aber harmlos
– Muskelkater 8 auf der Skala bis 10
– zwicken im Knie, das aber bereits wieder weg ist
– immense Müdigkeit, auch ein paar Tage später bin ich abends noch platt

Jetzt heißt es eine Woche zu regenerieren und dann langsam ins Training für den UTMB/TDS einzusteigen!

Hier kommt ihr direkt zum Fotostream mit vielen Impressionen von der Strecke!

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