Zugspitz-Überschreitung nonstop

Nachdem der Watzmann überschritten war und ich noch nie auf der Zugspitze gestanden hatte, lag der Plan für eine Überschreitung bereits bereit und ich hatte diverse Strecken ausgearbeitet, die in Frage kamen. Da das Jahr allerdings schon fortgeschritten war und im Oktober bereits ordentlich Schnee runtergekommen war, hatte ich das Vorhaben eigentlich für 2017 abgehakt.

Als mal wieder ein Pendel-Aussetz-Wochenende nahte und die Wetteraussichten bis 17 Grad prognostizierten, dachte ich erst über Kramerspitze und Co. nach, habe dann allerdings beim DAV die Konditionen zur Zugspitzbesteigung geprüft und diese hörten sich brauchbar an. Keine Steigeisen am Gletscher erforderlich, Klettersteig voll Schnee, mit guter Spur. Das klang machbar. Also wurde Freitag das gesamte Geraffel inklusive Klettersteigset und Helm gepackt. Mehr als sonst üblich, packte ich verschiedene Kleidungsschichten in meinen Rucksack – man weiß ja nie.

Geplante Strecke war: Start in Hammersbach, Höllental hinauf, allerdings über den Stangensteig, anstatt durch die Klamm. Dann über den Höllentalferner und den Höllental-Klettersteig auf den Gipfel, hinunter nach Sonnalpin, das Reintal hinab und von dort über Kreuzeck nach Hammersbach zurück. Insgesamt 35 km.

Gegen vier Uhr brach ich in Unterschleißheim auf. Zielsetzung: Vor dem Aufburch des großen Trosses an der Höllentalangerhütte vorbei sein. Um fünf Uhr stand ich aufgerödelt am Parkplatz in Hammersbach und machte mich auf den Weg. Im Anstieg zur Höllentaleingangshütte wechselte ich steigungsabhängig immer wieder zwischen Speedhiking und Laufen. Zwar standen einige Autos unten am Parkplatz, vor und hinter mir war allerdings niemand zu sehen – vermutlich übernachteten die Besitzer der Autos allesamt in der Höllentalangerhütte, um mit verkürzter Distanz die Zugspitze stürmen zu können. Im letzten Drittel des Stangensteigs konnte ich erstmals eine Stirnlampe unterhalb wahrnehmen. Schnell war diese eingeholt und ich konnte mir von deren Träger anhören: „Oh, ein ganz Schneller. Das ist aber nicht die richtige Kleidung für diese Jahreszeit!“. Das nervt. Aber egal, war ja eh nur eine flüchtige Begegnung.

Höllental, Aufstieg

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An der Höllentalangerhütte waren gerade zwei Zugspitzaspiranten im Aufbruch, die ich direkt kassieren konnte, vor mir waren aber einige Stirnlampen in reichlicher Entfernung zu sehen. War ich also tatsächlich zu spät aufgebrochen? Ich hastete weiter, allerdings nicht, ohne mich immer wieder mal umzudrehen und Fotos vom langsam aufflackernden Tageslicht zu machen. Was für eine großartige Atmosphäre! Ich näherte mich dem Klettersteigeinstieg. Dort hatten gerade drei Aspiranten samt Bergführer ihr Geraffel angelegt. Zwei Mädels, die ich kurz vor Erreichen der Stelle überholt hatte, schlossen auf mich auf. Im Gespräch kam dann heraus, dass sie gar nicht zu zweit waren, sondern zu dritt. Eine der beiden war schwanger!

Ich machte mich in den Einstieg des ersten Klettersteigabschnitts, der noch schneefrei und daher locker zu meistern war. Das Brett mit seinen Eisenstiften war schnell und einfach zu überwinden und so stieß ich nach kurzer Zeit bereits auf die Truppe mit dem Bergführer. Der Bergführer hätte mein Tempo wohl halten können, seine Mitstreiter aber nicht, so dass ich schnell Vorsprung ausbaute und auch zwei weitere Aspiranten bald überholt hatte. Mittlerweile war ich auf geschlossener Schneedecke unterwegs und näherte mich dem Anfang des Höllentalferners. Hier waren mehrere Kletterer damit beschäftigt ihre Steigeisen an ihren Stiefeln zu befestigen und ich wurde mit ungläubigen Blicken betrachtet als ich in kurzer Hose und Trailschuhen an ihnen vorbeizog. Wie beim DAV geschrieben, gab es eine gute Spur über den Gletscher, vorbei an den Spalten und der Schnee bot mehr als genug halt für meine Trailschuhe, die ja eh eine sehr griffige Sohle haben. Ich überholte zwei weitere Kletterer, die sogar mit Eisaxt ausgerüstet waren und erreichte schließlich den Einstieg in den Klettersteig.

Höllental, Annäherung Gletscher

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Es war niemand mehr vor mir, keine Warteschlange, aber auch niemand, bei dem ich hätte abschauen können wie man den Einstieg am besten meistert. Eine Randkluft gab es nicht, dafür war die Wand, an der nur ein etwa sechs bis acht Meter langes Stahlseil ohne Ankerpunkte verbaut ist, stellenweise noch vereist – und das war mein Problem. Da man diese Stelle auf Reibung klettern muss, ist Eis hier eher hinderlich… Bewertet ist dieser Abschnitt mit Schwierigkeit B/C. Unter den mir vorliegenden Bedingungen würde ich aber mindestens C ansetzen. Mit viel Kraft und Spreizungen meiner Beine, über deren möglichstes hinaus, gelang es mir schließlich, über die kleine Kante zu kommen, nach der man dann in fast waagerechtes Terrain wechselt. Da auch hier noch keine Sonne den Schnee aufgeweicht hatte, war allerdings weiterhin „Hallo wach!“, möglichst auf Reibung bleiben und am Seil festhalten angesagt.

Höllental, Blick auf Gletscher

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Die folgenden Abschnitte kosteten allesamt viel Kraft, waren aber bei weitem nicht so anstrengend wie der Einstieg in den Steig. Das Panorama im Steig ist großartig: Vorne hat man immer den Zugspitzgipfel im Blick, beim Blick zurück sieht man den Waxenstein, Jubiläumsgrat und die Alpspitze. Der letzte Abschnitt gestaltete sich wieder schwierig. Der Schnee war noch gefroren und das Sicherungsseil teilweise eingeschneit. Hier musste ich mich mit äußerster Vorsicht bewegen, konnte aber auch diese Stellen meistern, ohne das sich mir der Magen umdrehte – gekribbelt hat es allerdings schon… Statt zum Jubiläumsgrat (nächstes Projekt) bog ich an der Weggabelung nach rechts Richtung Gipfel ab und erreichte diesen ein paar Minuten später, nach insgesamt 4:30 Stunden.

Zugspitze, Gipfel

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Da der Zustieg zum Gipfel ebenfalls vereist war, kam ich in den Genuss, alleine auf dem Gipfel der Zugspitze zu stehen. Hinter mir im Klettersteig hatte ich während des gesamten Aufstiegs niemanden mehr gesehen. Nach einigen Fotos und Selfies machte ich mich wieder auf den Weg, ich hatte ja noch einiges an Strecke vor mir. Auf der Plattform angekommen (was ein hässlicher Verbau), sagte mir ein Paar, dass sie mich fotografiert hätten. Ich sei ihr persönlicher Held. 🙂 Nach Austausch der Handynummern, zwecks Fotoweiterleitung, begab ich mich zum Münchner Haus und verleibte mir eine Spezi und ein dickes Stück Kuchen ein.

Zugspitze, Abstieg nach Sonnalpin

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Danach machte ich mich in den Abstieg auf der österreichischen Seite, hinunter Richtung Sonnalpin. An Laufen war hier aufgrund der dicken Packung Schnee, die hier lag, nicht zu denken. Schnellen Schrittes, aber immer mit einer gehörigen Portion Wachsamkeit, eilte ich durch den Steig. Am Ende dessen, folgt wohl eigentlich ein Geröllfeld, das heute ein Schneefeld war und so konnte ich einfach hinunterschlittern. Auf halber Strecke kamen mir zwei Wanderer in kurzer Hose und mit nacktem Oberkörper entgegen. Wir tauschten uns kurz aus und ich sagte, dass ich froh sei, nicht der Einzige zu sein, der in Kurz unterwegs sei… Zu meinem Leidwesen erfuhr ich, dass die Hütten im Reintal schon geschlossen hatten. Ich hätte meine Trinkblase doch besser oben aufgefüllt, viel Wasser war nicht mehr drin.

Reintal, Blick zurück

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Ich war froh als ich endlich unten ankam und mehr oder weniger dauerhaft in den Laufschritt wechseln zu können, wobei das durch das ständige Einbrechen im verharschten Schnee doch ziemlich anstrengend war. An der Knorrhütte nutzte ich die sonnige Terasse für ein kurzes Päuschen, schnuckelte ein Gel und meinen Trinkrucksack leer. Ab jetzt war also Durst bis zum nächsten Bach angesagt. Den Schnee hatte ich bereits eine Weile hinter mir gelassen und konnte nun zügig den Pfad bergablaufen. Etwa 150 Höhenmeter über der Talsohle, an der das Reintal deutlich flacher wird, geschah es dann: Ich trat auf einen dicken Stein, der eigentlich fest aussah, dieser gab jedoch zur Seite nach und ich hatte keine Chance mehr, das dadurch entstehende Ungleichgewicht aufzufangen. So eine Schei… Im Sturz wusste ich schon, dass es aufgrund der steinigen Strecke ziemlich weh tun würde… Einer meiner Stöcke flog die Böschung hinab und ich klatsche der Länge nach auf den Weg. Ergebnis: Schienbein 15 cm lang aufgeschlitzt, Knie und Hände geprellt. Sonst zum Glück nichts passiert. Nach einer kurzen Funktionsprüfung sammelte ich nach der nächsten Spitzkehre meinen Stock von unten wieder ein und lief weiter.

Beim ersten brauchbaren Kontakt mit der Partnach schöpfte ich einige Hände voll Wasser und trank gierig. Auf das Auffüllen meiner Trinkblase, mit Rausholen aus dem Rucksach etc. hatte ich keinen Nerv. Hätte ich bloß Softflasks mitgenommen. Da die Partnach mich aber noch eine Weile begleiten würde, machte ich mich direkt wieder auf den Weg. Das Reintal zieht sich EWIG hin. Hier würde ich nicht hochwandern wollen, zumal der Weg mittlerweile in einen für Quads geeigneten Fahrweg übergegangen war und damit auch an Reiz verloren hatte. Für mich war das allerdings gut, da ich zügig vorankam. Das Tal lag komplett im Schatten und aufgrund der hohen Feuchtigkeit war es hier im Vergleich zu den vorherigen, sonnigen Abschnitten eisig, geschätzt vielleicht 5 Grad Celsius. An einer geeigneten Stelle trank ich nochmal und kam irgendwann an die Bockhütte, an der ich mich nach links Richtung Kreuzeck wenden musste. Ich war mittlerweile acht Stunden unterwegs und langsam wurde es zunehmend anstrengend.

Kreuzeck, Belohnung

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Der Aufstieg zum Kreuzeck ging dann echt an die Reserven. Kein Wasser, der Pfad in der Sonne und ungleich wärmer als unten im Reintal und zu allem überfluss wurde ich langsam auch noch hungrig. Ich schob eine kleine Zwangspause auf einer der vielen Stiegen ein, schob ein weiteres Gel und ein paar Gummibärchen ein und trank NICHTS. Ich hatte ja nichts mehr. Irgendwann wurde der Weg endlich flacher und damit weniger kräftezehrend und ich kreuzte die Skipiste vom Bernadeinlift, die ich aus dem Winter kannte. Ich kam an eine Tränke, an der aus einem Schlauch ein Rinnsal Wasser in einen Kanister lief. Trinkwasser? Egal. Fließendes Wasser, roch gut und schmeckte auch neutral. Ich stillte meinen Durst und machte mich wieder auf den Weg. Nach einigen Kehren konnte ich Kreuzalm und Kreuzeck sehen. Noch etwa drei Kilometer zu laufen. Nach und nach überholte ich einige Wanderer. Ich überlegte, ob ich direkt nach Hammersbach laufen sollte oder noch Zeit für eine Rast am Kreuzeckhaus wäre. Vielleicht gäbe es dort einen Kaiserschmarren?

Als ich endlich oben auf dem Hauptweg ankam, erlitt ich angesichts der vielen Leute einen kleinen Kulturschock, hielt mich an der Kreuzung zum Jägersteig allerdings trotzdem rechts und ergatterte am Kreuzeckhaus einen Wandplatz auf der sonnigen Terrasse. Schnell waren Kaiserschmarren, alkoholfreies Weißbier und eine Spezi verdrückt und ich machte mich auf den Weg den Jägersteig hinunter Richtung Hammersbach. Auf halber Strecke war wegen Forstarbeiten ein Streckenabschnitt gesperrt und Wanderer kamen mir entgegen: „Kein Durchkommen.“ Der Aussage schenkte ich keinen Glauben. Die wussten ja nicht, wo ich überall durchkomme… 😉 Letztlich war es auch nicht sonderlich schwierig sich durchzuwühlen und mir blieb ein Umweg auf einem langweiligen Forstweg erspart.

Irgendwann spuckte mich dann der Wald auf die Straße in Hammersbach, auf der mich fast noch ein E-Bike-Fahrer erwischt hätte und nach 11 Stunden (inklusive aller Pausen) war ich wieder am Auto. Laut Laufuhr 38 km, mit knapp über 3.000 HM. Eine geniale Tagestour und Erinnerung, die nach Wiederholung schreit, wenn weniger Schnee liegt.

Wobei: Aufstieg Höllental, Jubiläumsgrat, Alpspitze und zurück sind bei guten Bedingungen auch noch ein schönes Projekt…

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