Watzmann-Überschreitung nonstop

Seit geraumer Zeit stand eine Watzmannüberschreitung auf meiner Bucket-List. Musste nur noch ein passendes Wochenende anrücken: Ich in Unterschleißheim und gleichzeitig stabiles und trockenes Wetter. Am 21. Juli war es dann soweit. Meine Frau wollte zwecks Robbie Williams Konzert nach München kommen, gutes Wetter war angesagt und ich konnte spontan für den Freitag einen Tag Urlaub einbauen.

Am Donnerstag Abend wurde also der Laufrucksack gepackt und anschließend dieser mit Klettersteigausrüstung und Stöcken im Auto verstaut. Ausnahmsweise musste ich mir einen Wecker stellen, da 2:30 Uhr Aufstehen jenseits meiner biologischen Uhr lag. Nach gut zwei Stunden Fahrt stand ich schließlich um 5:00 Uhr am Parkplatz der Wimbachbrücke. Mangels Kleingeld und Wechselmöglichkeit war ein Knöllchen vorprogrammiert.

Nachdem ich mein Geraffel schaukelsicher verstaut hatte, die Stirnlampe aktiviert und die Navigation auf meiner Laufuhr gestart war, konnte es losgehen. Anfangs laufend, dann aber aufgrund der Steigung schnell Speedhikend schob ich mich durch den dunklen Wald Meter um Meter aufwärts. Mit Erreichen der Almflächen dämmerte es bereits und unter mir lagen die wolkigen Täler, da noch in der Nacht ein kräftiges Gewitter durchgezogen war. Immer wieder Fotos schießend, konnte ich oberhalb bereits das Watzmannhaus erkennen, das viele Wanderer als Zwischenübernachtung nutzen.

Watzmann, im Aufstieg

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Schnellen Schrittes schraubte ich mich weiter hinauf und erreichte gegen 6:15 Uhr das Watzmannhaus, an dem ich eigentlich kurz verschnaufen und trinken wollte. 1.000 Höhenmeter waren schließlich schon geschafft. Allerdings konnte ich oberhalb bereits einige Wanderer sehen, die ich nicht im Steig vor mir haben wollte, und so wurde die Pause kurzerhand gestrichen und stattdessen noch ein Gang raufgeschaltet, um die Wanderer möglichst schnell hinter mir zu lassen.

Mit meinem Tempo und den Trailschuhen wurde ich beim Überholen beäugt wie ein Wesen von einem anderen Stern. Wenn die gewusst hätten, dass ich Abends einen Tisch im Olympiaturm reserviert hatte… Bereits vor dem eigentlichen Anstieg zum Hocheck hatte ich mehrere Gruppen hinter mir gelassen und konnte nur noch vereinzelte Personen vor mir ausmachen. Immer wieder hielt ich kurz inne, um den wahnsinnigen Ausblick unter mir und um mich herum zu genießen. Was für ein tolles Panorama im Sonnenaufgang!

Hocheck, oberhalb Watzmannhaus

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Vor dem ersten Gipfel, dem Hocheck, hatte ich noch einen einzelnen Wanderer mit dickem Rucksack überholt, mit dem ich oben ein Pläuschchen hielt, während ich ein erstes Gel zu mir nahm. Es war ein Österreicher, der auf einer mehrtägigen Tour unterwegs war. Da nun die Gratüberschreitung anstand, packte ich meine Stöcke an den Rucksack, schlüpfte in meinen Klettergurt und machte mich auf den Weg.

Hocheck, Gipfel erreicht

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Hinter einer Schutzhütte folgt zum Eingewöhnen eine ausgesetzte, aber gesicherte Passage, bei der man seine Sinne direkt beisammen haben sollte. Anschließend folgt ein Weg, der zwar durchgängig markiert, aber nicht immer direkt erkennbar ist. Mal links, mal rechts, mal direkt über den Grat, lief, speedhikte und kraxelte ich Richtung Mittelspitze. Es wechseln sich dabei immer ungesicherte und gesicherte Stellen ab. Der Watzmanngrat ist KEIN Klettersteig und man sollte schon wissen, auf was man sich einlässt.

An der Mittelspitze war wieder Zeit für ein Gel. Ich hatte ein Wandererpäärchen eingeholt. Im Gespräch stellte sich heraus, dass diese auch um 5:00 Uhr gestartet waren, allerdings am Watzmannhaus. Als ich erwähnte, dass ich zu der Zeit am Parkplatz gestartet sei, wären die beiden fast von der Mittelspitze gefallen… 🙂

Mittelspitze, Panorama

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Ich machte mich flugs auf den Weg und stieß kurz später auf eine junge Frau, die ebenfalls alleine unterwegs war. Da ich nur gering schneller war und wir nett ins Gespräch kamen, drosselte ich mein Tempo und wir waren fortan gemeinsam Richtung Südspitze unterwegs.

Watzmanngrat, mittendrin

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Sie kam aus Freising, ihr Freund musste lernen und sie hatte ebenfalls bei dem guten Wetter die Gelegenheit ergriffen, um die Tour über den Watzmann zu wagen. Einige Stücke zwischen Mittelspitze und Südgipfel sind ziemlich ausgesetzt. An einer Stelle empfand ich das Sicherungsseil eher als hinderlich, da man umständlich hinüber klettern musste. Kurze Zeit später war der Südgipfel erreicht. Gemeinsam machten wir eine Brotzeit, plauderten nett und genossen das überragende Panorame mit dem im Nebel unter uns liegenden Königssee.

Südspitze, Blick Richtung Mittelspitze

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Meine temporäre Begleiterin meinte, bergab sei sie eine Schnecke, daher machte ich mich kurz später alleine in den Abstieg. Anfangs ist dieser ziemlich steil und folgt nach einigen Kehren mehr oder weniger dem Verlauf einer Rinne. Irgendwann war schließlich ein rutschiges Schuttkar erreicht, in dem es mich dank Steilheit auch einmal auf den Hosenboden gesetzt hat. Mein Getränkevorrat war aufgebraucht, obwohl es glücklicherweise nicht sonderlich warm gewesen war. Obwohl ich schon mächtig Höhe verloren hatte, schien der Weg hinunter ins Wimbachgries noch unendlich zu sein. Irgendwann erreichte ich eine Stelle, an der mittels eines Schilds auf Trinkwasser in einem Bach hingewiesen wurde. Dankbar nahm ich die Gelegenheit war und stillte meinen Durst. Schließlich erreichte ich in der Folge eine weitere, mit einer Kette gesicherte, sehr rutschige Rinne. Diese dürfte für erschöpfe Personen eine echte Herausforderung sein. Wenn diese gemeistert ist, hat man allerdings das Gröbste geschafft und erreicht kurz später das Gries.

Wimbachgries, von oben

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Nachdem dieses gequert ist, folgt ein angelegter Weg. Im zügigen Laufschritt wollte ich auf meiner Uhr prüfen wie weit es noch bis zur Wimbachhütte sei, da zog es mir plötzlich komplett den Boden unter den Füßen weg. Ich taumelte erst rechts, dann links ins hohe Gras. Da Newton ja die Schwerkraft erfunden hat, musste ich mich dieser vollends ergeben und lag bäuchlings auf dem Kiesweg. Hatte ich doch glatt eine Stufe übersehen, die dort eingebaut war… Abgesehen von einem leicht umgeknickten Fuß war zum Glück nichts passiert, so dass ich mich aufrappeln, einmal schütteln und auf den weiteren Weg Richtung Hütte machen konnte, die kurz später erreicht war. Dort gab es ein alkoholfreies Weißbier, eine Spezi und einen Kaiserschmarrn für mich. Tat das gut.

Nach der Stärkung folgte dann das öde Stück hinab durch das Wimbachtal zurück zum Parkplatz. Der Zivilisation näher kommend, traf ich nun viele Spaziergänger, die wohl noch nie einen Läufer mit Klettergurt und Helm am Rucksack gesehen hatten – zumindest ließen deren Blicke diese Schlussfolgerung zu.

Nach 7:30 Stunden war schließlich der Parkplatz, mein Auto und das erwartete Knöllchen erreicht. Diese Tour war das Knöllchen aber absolut wert.

Mit Zwischenstopp in der Wohnung, einer Dusche und ein paar Stunden Pause, holte ich meine Frau vom Flughafen ab und unserem Besuch im Restaurant des Olympiaturms stand fast nichts mehr im Wege. Fast nichts. Nach dem dritten Gang wäre ich am Tisch fast eingeschlafen und musste kurz auf die Plattform, um frische Luft zu schnappen… Der Ausblick auf München ist auch schön, aber nicht zu vergleichen mit dem Ausblick vom Südgipfel…

Alles in allem ein Tag, von dessen Erinnerung ich noch lange zehren werde!

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